
Das Stück
Die Choreographin, Tänzerin und Pädagogin, Denise Lampart, hat sich seit der Gründung ihrer Compagnie im Jahre 1995 der spielerischen und experimentellen Verbindung von Körper, Raum, Licht und Musik verpflichtet. Es war ihr von Beginn an ein Anliegen, starre Tanz- und Theaterformen aufzubrechen, verschiedene Ebenen und Gestaltungselemente miteinander zu verknüpfen. Für ihre Kreationen erforscht sie auch immer wieder den Menschen und seine Geschichten, choreographiert Erzählungen, die zuweilen unter die Haut, immer aber in die Tiefe gehen. Nach UBU, Les GarSces, Helden unter Strom, Ménage à trois I+II, JALOUSCITY, SHOCKHEADED PETER, um nur einige ihrer Werke zu nennen, befasst sich das neue Stück Mercy 45 mit dem Leben der charismatischen, amerikanischen Lyrikerin Anne Sexton (1928 - 1974) und ihren Gedichten.
Angesprochen von der Intensität der gefühlsstarken Lyrik, vertiefte sich die Choreographin mehr und mehr in die ausserordentliche Erfolgs- Krankheits- und Lebensgeschichte Anne Sextons. Die Autobiographie der gefeierten Literatin, beliebten Dozentin, Künstlerin, Frau und Mutter, bietet Einblick ins schillernde Innenleben einer psychisch hochkomplizierten und charismatischen Persönlichkeit.
Anne Sexton lebte in Massachusetts das klassische Klischee einer Mittelschichtshausfrau der Fünfzigerjahre bis sie, im Alter von 28 Jahren, nach einem psychotischen Schub auf Anraten ihres Therapeuten, Lyrik zu schreiben begann. Im Verlauf der nächsten fünfzehn Jahre wurde Sie zu einer der prominentesten Vertreterinnen der „confessional poets“. Am 4. Oktober 1974 setzte sie, nach einigen früheren Suizidversuchen, ihrem Leben des Glanzes aber auch der Verzweiflung ein Ende.
Die Dialektik des psychotischen Krankheitsbildes, einer Kombination aus apathischem Schlaf- und hyperaktivem Wachzustand (beschrieben in Fuges and Follys), hatte tief greifende Auswirkung auf die "innere" Ebene", die familiäre Umgebung von vier Generationen. Der Alltag mit Eltern, Tochter, Enkel und Freunden gestaltete sich, angesichts der zunehmenden Egomanie, als schwierig und anstrengend für die gesamte Familie.
Dagegen bot sich auf der "äusseren" Ebene eine unglaublich produktive literarische Aktivität: Anne Sexton entwickelte während ihren "aktiven" Stadien ein unersättliches Schreibfieber mit überbordender Produktivität und Intensität.
Realitäts- und lebensnah liest sich hingegen die ausdrucksstarke, klare und zuweilen brutale Schreibweise der Schriftstellertochter Linda in ihrer Mutter-Biographie.
Fasziniert und gefesselt von der Unermesslichkeit und Vielschichtigkeit der Thematik und deren Auswirkungen, entstand zum 10 jährigen Jubiläum der Denise Lampart Compagnie ein emotionsgeladenes, abendfüllendes Stück.